Wie alles begann
Manchmal verändert die Pflege eines Angehörigen nicht nur dessen Leben. Sie greift auch tief in das eigene ein.
Sie bestimmt plötzlich den Tagesablauf, die Gedanken und die Nächte. Sie verändert Beziehungen, die eigene Gesundheit und nicht selten auch das Berufsleben.
Die Idee zu Wegfinder entstand nicht am Schreibtisch. Sie entstand aus Erfahrungen, die Birgit Nandzik selbst gemacht hat – aus Verantwortung, Hoffnung und dem Gefühl, in einem schwer durchschaubaren System immer wieder allein nach dem richtigen Weg suchen zu müssen.
Vom Rollstuhl zurück ins Leben
Besonders prägend war die Begleitung ihrer Tante.
Nach längeren Aufenthalten in Krankenhäusern und der anschließenden Unterbringung in einem Pflegeheim war die ältere Frau stark eingeschränkt. Sie ging am Rollator, saß für längere Strecken im Rollstuhl und litt unter so starken Schmerzen, dass selbst Schlaf kaum noch möglich war.
Birgit Nandzik nahm ihre Tante für einige Monate bei sich zu Hause auf. Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass dieser Zustand nun einfach hingenommen werden sollte. Also fragte sie weiter: Woher kamen die Schmerzen? Warum ging es ihrer Tante trotz der bisherigen Versorgung nicht besser?
Schließlich wurde die Ursache gefunden: Die Hüfte ihrer Tante war gebrochen.
Nach der notwendigen Operation veränderte sich die Situation grundlegend.
„Für mich ist sie regelrecht aus dem Rollstuhl auferstanden. Vor allem war sie endlich diese unerträglichen Schmerzen los.“
Ihre Tante konnte wieder laufen und gewann einen großen Teil ihrer Selbstständigkeit und Lebensqualität zurück.
Doch bei aller Erleichterung blieb eine bedrückende Frage:
„Was wäre aus ihr geworden, wenn niemand mehr nach der Ursache gefragt hätte?“
Diese Erfahrung hat Birgit Nandziks Haltung bis heute geprägt. Pflege darf nicht bedeuten, einen bestehenden Zustand nur zu verwalten. Es muss immer wieder gefragt werden, was einem Menschen helfen kann, Fähigkeiten zu erhalten oder zurückzugewinnen.
Als plötzlich alles auf dem Spiel stand
Auch die Begleitung ihrer Mutter wurde zu einer existenziellen Erfahrung.
Nach einer lebensbedrohlichen gesundheitlichen Krise musste ihre Mutter intensivmedizinisch behandelt und zeitweise in ein künstliches Koma versetzt werden. Es folgte eine Zeit voller Sorge, Unsicherheit und Verantwortung.
Nach der akuten Behandlung ging es nicht allein darum, irgendwie durch den Alltag zu kommen. Gemeinsam wurden Gewohnheiten verändert, die Versorgung neu betrachtet und viele kleine Schritte gegangen. Ihre Mutter arbeitete mit – und gewann nach und nach einen Teil ihrer Selbstständigkeit zurück.
Heute ist sie wieder in der Lage, wesentliche Dinge ihres Alltags selbst zu bewältigen.
„Es geht nicht nur darum, einen Menschen zu versorgen. Das Ziel muss sein, ihm so viel Selbstständigkeit wie möglich zu erhalten oder zurückzugeben.“
Pflege kennt keinen Feierabend
Doch diese intensive Begleitung hatte einen hohen Preis.
Pflegende Angehörige organisieren Arzttermine, begleiten Untersuchungen, kümmern sich um Medikamente und Hilfsmittel, führen Gespräche mit Kranken- und Pflegekassen, bearbeiten Anträge und übernehmen unzählige Aufgaben, die für Außenstehende oft unsichtbar bleiben.
Sie tragen Verantwortung, während ihr eigenes Leben weiterlaufen soll.
Birgit Nandzik war beruflich stark eingespannt. Sie arbeitete angestellt und zusätzlich selbstständig. Gleichzeitig wuchs die Verantwortung für ihre erkrankte Mutter immer weiter.
Der Arbeitstag endete irgendwann. Die Pflege nicht.
Termine mussten koordiniert, Entscheidungen getroffen und Krisen aufgefangen werden. Dazu kamen die ständige Sorge und das Gefühl, weder der Familie noch dem Beruf vollständig gerecht werden zu können.
Die dauerhafte Doppel- und Dreifachbelastung blieb nicht ohne Folgen.
Birgit Nandzik verlor ihren Hauptjob.
Damit wurde aus einer familiären Pflegesituation auch eine berufliche und wirtschaftliche Zäsur. Die Sorge um einen geliebten Menschen hatte begonnen, das eigene Leben aus den Angeln zu heben.
„Wer sich um kranke Familienmitglieder kümmert, kann schnell selbst zum Pflegefall werden.“
Diese Erfahrung zeigt, was in vielen Familien geschieht, ohne öffentlich sichtbar zu werden: Angehörige tragen einen erheblichen Teil der Pflege. Sie geben Zeit, Kraft und Sicherheit. Manche reduzieren ihre Arbeitszeit, andere stellen ihre beruflichen Pläne zurück. Und einige verlieren dabei ihre eigene finanzielle und gesundheitliche Stabilität.
Wer Angehörigenpflege stärken will, darf deshalb nicht nur auf den pflegebedürftigen Menschen schauen. Auch der Mensch, der trägt, braucht jemanden, der ihn stützt.
Wenn Hilfe an Bürokratie scheitert
Zu der emotionalen und körperlichen Belastung kommt ein System, das selbst erfahrene Menschen überfordern kann.
Pflegegrad, Begutachtung, Anträge, Nachweise, Überweisungen, Kranken- und Pflegekassen, Behörden, Widersprüche und wechselnde Ansprechpartner werden schnell zu einem kaum durchschaubaren Geflecht.
Manchmal führt eine fehlende Unterschrift dazu, dass ein Weg erneut gegangen werden muss. Manchmal wird von einer Stelle zur nächsten verwiesen. Und manchmal vergeht ein ganzer Tag, ohne dass die dringend benötigte Hilfe auch nur einen Schritt nähergekommen ist.
„Wie soll ein älterer oder alleinstehender Mensch dieses System bewältigen, wenn es selbst Angehörige an ihre Grenzen bringt?“
Nicht immer fehlt die Hilfe. Manchmal fehlt schlicht der Weg dorthin.
Aus Erfahrung wurde Wegfinder
Aus diesen Erfahrungen entstand Wegfinder e.V.
Der Verein möchte bestehende Pflege-, Beratungs- und Unterstützungsangebote nicht ersetzen. Wegfinder möchte Menschen dabei helfen, den Zugang zu vorhandener Unterstützung zu finden.
Es geht um Orientierung, Vernetzung und Hilfe zur Selbsthilfe.
Menschen sollen ihre Möglichkeiten erkennen, passende Ansprechpartner finden und sich mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten ergänzen können. Der eine kann vielleicht nicht mehr selbst Auto fahren, kennt sich dafür aber mit Anträgen aus. Eine andere kann Einkäufe erledigen. Jemand kann bei digitalen Formularen helfen, Zeit zum Zuhören schenken oder einen Menschen zu einem Termin begleiten.
Nicht jeder muss alles können. Aber viele können gemeinsam viel bewirken.
Wegfinder möchte Menschen befähigen, Menschen miteinander verbinden und vorhandene Hilfe auffindbar machen. Und dort gemeinsam nach einem Weg suchen, wo jemand allein nicht mehr weiterkommt.
„Niemand sollte schwierige Wege allein gehen müssen.“