Unsere Geschichte

Wer kümmert sich um diejenigen, die sich kümmern?

Wie meine Erfahrungen den Anstoß zur gemeinsamen Gründung von Wegfinder gaben.

Wie alles begann

Manchmal verändert die Pflege eines Angehörigen nicht nur dessen Leben. Sie greift auch tief in das eigene ein.

Sie bestimmt plötzlich den Tagesablauf, die Gedanken und die Nächte. Sie verändert Beziehungen, die eigene Gesundheit und nicht selten auch das Berufsleben.

Die Idee zu Wegfinder entstand nicht am Schreibtisch. Sie entwickelte sich aus Erfahrungen, die ich selbst gemacht habe – aus Verantwortung, Hoffnung und dem Gefühl, in einem schwer durchschaubaren System immer wieder allein nach dem richtigen Weg suchen zu müssen.

Porträt von Birgit Nandzik
Birgit Nandzik – ihre persönlichen Erfahrungen gaben den Anstoß zur gemeinsamen Gründung von Wegfinder e.V.

Vom Rollstuhl zurück ins Leben

Besonders geprägt hat mich die Begleitung meiner Tante.

Nach längeren Aufenthalten in Krankenhäusern und der anschließenden Unterbringung in einem Pflegeheim war sie stark eingeschränkt. Sie ging am Rollator, saß für längere Strecken im Rollstuhl und litt unter so starken Schmerzen, dass selbst Schlaf kaum noch möglich war. Sie erhielt starke Schmerz- und Schlafmittel.

Ich nahm meine Tante für einige Monate bei mir zu Hause auf. Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass ihr Zustand nun einfach hingenommen werden sollte. Also fragte ich weiter: Woher kamen diese Schmerzen? Warum ging es ihr trotz der bisherigen Versorgung nicht besser?

Schließlich wurde die Ursache gefunden: Die Hüfte meiner Tante war gebrochen.

Nach der notwendigen Operation veränderte sich die Situation grundlegend.

„Für mich ist sie regelrecht aus dem Rollstuhl auferstanden. Vor allem war sie endlich diese unerträglichen Schmerzen los.“

Meine Tante konnte wieder laufen und gewann einen großen Teil ihrer Selbstständigkeit und Lebensqualität zurück. Die zuvor benötigten starken Schmerz- und Schlafmittel waren nach der Hüftoperation nicht mehr notwendig.

Doch bei aller Erleichterung blieb für mich eine bedrückende Frage:

„Was wäre aus ihr geworden, wenn niemand mehr nach der Ursache gefragt hätte?“

Diese Erfahrung prägt meine Haltung bis heute. Pflege darf nicht bedeuten, einen bestehenden Zustand nur zu verwalten. Es muss immer wieder gefragt werden, was einem Menschen helfen kann, Fähigkeiten zu erhalten oder zurückzugewinnen.

Als plötzlich alles auf dem Spiel stand

Auch die Begleitung meiner Mutter wurde für mich zu einer existenziellen Erfahrung.

Nach einer lebensbedrohlichen gesundheitlichen Krise musste sie intensivmedizinisch behandelt und zeitweise in ein künstliches Koma versetzt werden. Es folgte eine Zeit voller Sorge, Unsicherheit und Verantwortung.

Nach der akuten Behandlung ging es nicht allein darum, irgendwie durch den Alltag zu kommen. Gemeinsam veränderten wir Gewohnheiten, betrachteten ihre Versorgung neu und gingen viele kleine Schritte. Meine Mutter arbeitete mit – und gewann nach und nach einen Teil ihrer Selbstständigkeit zurück.

Heute ist sie wieder in der Lage, wesentliche Dinge ihres Alltags selbst zu bewältigen.

„Es geht nicht nur darum, einen Menschen zu versorgen. Das Ziel muss sein, ihm so viel Selbstständigkeit wie möglich zu erhalten oder zurückzugeben.“

Pflege kennt keinen Feierabend

Doch diese intensive Begleitung hatte einen hohen Preis.

Pflegende Angehörige organisieren Arzttermine, begleiten Untersuchungen, kümmern sich um Medikamente und Hilfsmittel, führen Gespräche mit Kranken- und Pflegekassen, bearbeiten Anträge und übernehmen unzählige Aufgaben, die für Außenstehende oft unsichtbar bleiben.

Sie tragen Verantwortung, während ihr eigenes Leben weiterlaufen soll.

Ich war beruflich stark eingespannt. Ich arbeitete angestellt und zusätzlich selbstständig. Gleichzeitig wuchs die Verantwortung für meine erkrankte Mutter immer weiter.

Der Arbeitstag endete irgendwann. Die Pflege nicht.

Termine mussten koordiniert, Entscheidungen getroffen und Krisen aufgefangen werden. Dazu kamen die ständige Sorge und das Gefühl, weder meiner Familie noch meinem Beruf vollständig gerecht werden zu können.

Die dauerhafte Doppel- und Dreifachbelastung blieb nicht ohne Folgen.

Ich verlor meinen Hauptjob.

Damit wurde aus einer familiären Pflegesituation auch eine berufliche und wirtschaftliche Zäsur. Die Sorge um einen geliebten Menschen hatte begonnen, mein eigenes Leben aus den Angeln zu heben.

„Wer sich um kranke Familienmitglieder kümmert, kann schnell selbst zum Pflegefall werden.“

Meine Erfahrung zeigt, was in vielen Familien geschieht, ohne öffentlich sichtbar zu werden: Angehörige tragen einen erheblichen Teil der Pflege. Sie geben Zeit, Kraft und Sicherheit. Manche reduzieren ihre Arbeitszeit, andere stellen ihre beruflichen Pläne zurück. Und einige verlieren dabei ihre eigene finanzielle und gesundheitliche Stabilität.

Wer Angehörigenpflege stärken will, darf deshalb nicht nur auf den pflegebedürftigen Menschen schauen. Auch der Mensch, der trägt, braucht jemanden, der ihn stützt.

Wenn Hilfe an Bürokratie scheitert

Zu der emotionalen und körperlichen Belastung kommt ein System, das selbst erfahrene Menschen überfordern kann.

Pflegegrad, Begutachtung, Anträge, Nachweise, Überweisungen, Kranken- und Pflegekassen, Behörden, Widersprüche und wechselnde Ansprechpartner werden schnell zu einem kaum durchschaubaren Geflecht.

Manchmal führt eine fehlende Unterschrift dazu, dass ein Weg erneut gegangen werden muss. Manchmal wird von einer Stelle zur nächsten verwiesen. Und manchmal vergeht ein ganzer Tag, ohne dass die dringend benötigte Hilfe auch nur einen Schritt nähergekommen ist.

Ich fragte mich immer wieder:

„Wie soll ein älterer oder alleinstehender Mensch dieses System bewältigen, wenn es selbst Angehörige an ihre Grenzen bringt?“

Nicht immer fehlt die Hilfe. Manchmal fehlt schlicht der Weg dorthin.

Aus einem persönlichen Anstoß wurde ein gemeinsamer Weg

Aus meinen Erfahrungen entstand der Wunsch, etwas zu verändern. Doch ein Verein entsteht nicht durch einen Menschen allein.

Gemeinsam mit weiteren engagierten Menschen entwickelte sich aus diesem persönlichen Anstoß Wegfinder e.V. Wir haben den Verein gegründet, weil wir davon überzeugt sind, dass niemand schwierige Wege allein gehen sollte.

Wegfinder ist kein Verein einer einzelnen Person. Er lebt von den unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten und Perspektiven seiner Mitglieder und all der Menschen, die sich einbringen.

Wir möchten bestehende Pflege-, Beratungs- und Unterstützungsangebote nicht ersetzen. Wir möchten Menschen dabei helfen, den Zugang zu vorhandener Unterstützung zu finden.

Es geht um Orientierung, Vernetzung und Hilfe zur Selbsthilfe.

Menschen sollen ihre Möglichkeiten erkennen, passende Ansprechpartner finden und sich mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten ergänzen können. Der eine kann vielleicht nicht mehr selbst Auto fahren, kennt sich dafür aber mit Anträgen aus. Eine andere kann Einkäufe erledigen. Jemand kann bei digitalen Formularen helfen, Zeit zum Zuhören schenken oder einen Menschen zu einem Termin begleiten.

Nicht jeder muss alles können. Aber viele können gemeinsam viel bewirken.

Wir möchten Menschen befähigen, Menschen miteinander verbinden und vorhandene Hilfe auffindbar machen. Und wir möchten dort gemeinsam nach einem Weg suchen, wo jemand allein nicht mehr weiterkommt.

Besonders inspiriert wurde die Gründung des Vereins durch das Wort aus dem Matthäusevangelium.

„Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Matthäus 25, 40
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